I ragazzacci di Stoccarda

April 24, 2007
By Paolo Menicucci

Dieter Hundt, Aufsichtsrat beim VfB Stuttgart, versucht es neulich mit einem Trick. Er dreht den Begriff der "jungen Wilden", einfach um. Und nennt die Khediras, Gomez' und Tascis beim VFB einfach "wilde Junge".

Es soll in Stuttgart nicht mehr viel an die erste Generation der "jungen Wilden" mit Kevin Kuranyi, Phillip Lahm, Aleksandr Hleb oder Andreas Hinkel erinnern". Denn sie haben nicht wirklich lange etwas gehabt von ihnen am Neckar. Inzwischen spielen die einstigen Talente in Arsenal, auf Schalke, beim FC Sevilla oder beim FC Bayern.

Der einzig Übriggebliebene ist Timo Hildebrand. Längst dienstältester Profi beim VfB - ab Sommer bekanntlich beim FC Valencia unter Vertrag. "Die Jungs geben richtig Gas, man merkt ihnen an, wie viel Spaß es ihnen macht, Fußball zu spielen", sagt der VfB-Keeper zur zweiten Generation.

Und die reißen alt gediente Haudegen wie Markus Babbel mit. Der findet sich inzwischen mit der Rolle als Ersatzspieler ab. "Serdar Tasci gehört die Zukunft, nicht mir" sagt der ehemalige Nationalspieler und versucht, dem 15 Jahre jüngeren Kollegen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Dem Höhenflug der VfB-Talente vor rund vier Jahren folgte nach dem Abgang Magaths zu den Bayern eine eher durchschnittliche Saison unter Matthias Sammer. Sammer, obwohl jetzt beim DFB auch für die Talentförderung zuständig, griff eher auf arrivierte Spieler zurück. Danach kam der Absturz unter dem Altmeister. Giovanni Trapattoni scheiterte an der Einkaufspolitik des ehemaligen Managers Herbert Briem, als auch an seiner antiquierten Fußball-Philosophie

Erst als Armin Veh Trapattoni beerbte, und vor allem der ehemalige Profi Horst Heldt als Sportdirektor installiert wurde, ging es wieder aufwärts mit dem VfB. Heldt und Veh setzen aus Überzeugung auf die Jungen, sie sehen eine echte Chance darin.

"Was wir in so kurzer Zeit mit neuen und vor allem jungen Spielern umgesetzt haben, ist schon erstaunlich" sagt Veh. Eigentlich wollte er die Youngster Mario Gomez, Christian Gentner, Sami Khedira oder Serdar Tasci möglichst im Schongang an die Bundesliga heranzuführen. Das ist ihm, wenn man so will, misslungen. Einfach deshalb, weil sie sich durch Leistung so dermaßen aufdrängten, dass Veh sie geradezu spielen lassen musste.

Der vielseitig einsetzbare Mittelfeldspieler Sami Khedira hat das Zeug zum Lenker und Denker einer Mannschaft, Serdar Tasci kann in der Innenverteidigung, auf der rechten Außenbahn und im defensiven Mittelfeld spielen. Mario Gomez und Roberto Hilbert, der als einziger nicht aus der VfB-Jugend kommt, haben es gar in die A-Nationalmannschaft geschafft.

Es scheint von Vorteil zu sein, dass die Jungs in der Region aufgewachsen sind, dass sie Freunde und Familie um sich haben, um sich über die vielfältigen neuen Eindrücke mit vertrauten Personen austauschen zu können. Der VfB versucht ihnen klarzumachen, dass sie hier am besten aufgehoben sind und stattet sie mit langfristigen Verträgen aus. Ob sie sie einhalten, wenn die ganz großen Klubs die Brieftasche öffnen, steht auf einem anderen Blatt. Die Voraussetzung, langfristig eine Mannschaft zu formen, ist jedoch gegeben.

Und die eigentliche Überraschung ist nicht die, dass die neuen "jungen Wilden" tolle Spiele und erfrischenden Offensivfußball zeigten, sondern dass sie eine Konstanz an den Tag legten, die ihnen kaum jemand zugemutet hatte. Selbst Hildebrand hatte im Januar noch gewarnt: "Ich weiß, wie lang eine Saison ist. Und wie schnell das alles verpufft, wenn man sich auf dem Erfolg ausruht."

Seine mahnenden Worte scheinen Gehör gefunden zu haben - oder sie waren schlichtweg nicht nötig. Der VfB ist weiter oben dabei. Wobei man eines nicht vergessen darf. Der VfB setzt natürlich nicht ausschließlich auf Youngster. Mit den Mexikanern Pardo und Osorio sowie mit da Silva kamen auch gestandene Spieler, die perfekt ins System passten.

Es sind dennoch nur noch wenige Vereine in Europa, die es schaffen, so viele Spieler aus dem eigenen Nachwuchs so schnell an die Liga und sogar an internationales Niveau heranzuführen. Zumeist reicht es so gerade, sich in der Liga zu halten. Wer um den Titel mitspielen will, ist gezwungen, so schien es zumindest, auf teurere Neuzugänge zurückzugreifen.

Der VfB beweist derzeit das Gegenteil. Thomas Hitzlsperger hofft an eine ähnliche Entwicklung wie beim SV Werder. "Das mittelfristige Ziel muss es sein, sich über Jahre für die Champions League zu qualifizieren" sagt er.

Bei Werder Bremen sind in den vergangenen Jahren mit Borowski, Schulz, Hunt oder Schindler ebenfalls aus der eigenen Jugend gekommen. Den Unterschied machten jedoch die Micouds oder Diegos.

In Frankreich sind es traditionell der AJ Auxerre sowie der FC Metz, die auf die eigene Jugend setzen. In England war es - auch eher notgedrungen - zuletzt der FC Arsenal. Dort setzte man allerdings weniger auf Talente aus dem eigenen Klub sondern scoutete extrem junge Spieler wie beispielsweise Cesc Fabregas, der mit 16 aus Barcelona kam.

Der VfB Stuttgart ist seit jeher der Bundesliga-Klub mit dem besten Unterbau. Nicht die Bayern, Werder Bremen oder Schalke haben die meisten Titel im B- und A-Juniorenbereich eingeheimst - es ist der VfB Stuttgart, der jährlich fast zwei Millionen Euro in die Nachwuchsarbeit investiert.

Der Klub hat im Umkreis von 100 Kilometern ein Netzwerk aufgebaut, damit die Talente aus der Region nicht von anderen Profivereinen weggeschnappt werden. Die Jugendarbeit sei seit langem "Teil der Vereinspolitik", sagt Jugendkoordinator Thomas Albeck. Angeschoben hat die professionelle Nachwuchsförderung in den 80er Jahren Ralf Rangnick.

Was dennoch nicht oft gelang, war die Integration der Nachwuchsspieler in die Profimannschaft. Bei Felix Magath war es vor rund drei Jahren die pure Not. Der Verein hatte wirtschaftlich abspecken müssen.

Dem Coach, der bei seinen Stationen zuvor fast ausschließlich auf ältere bzw. arrivierte Spieler zurückgegriffen hatte, schmiss die Hinkels und Kuranyis einfach mal ins kalte Wasser. Einige unterstellten ihm gar, er hätte es nur deshalb getan, um zu beweisen, dass es nicht funktioniert.

Aber es funktionierte. Stuttgart wurde Vizemeister, legte sogar in der Champions League sensationelle Spiele wie das 2:1 gegen Manchester United hin. Gerade das hatte man den Youngstern der ersten Generation nicht zugetraut. Genau so wenig wie man der neuen Generation zugetraut hat, dass sie die gesamte Saison über auf solch hohem Niveau spielen und sich eben auch in den Spitzenspielen gegen Bremen oder Bayern beweisen.

Nun haben die Schwaben gar die Chance das Double zu holen. Zumindest haben sie mit dem überzeugenden Sieg über die Stars des FC Bayern die Qualifikation für die Champions League so gut wie in der Tasche.

Und seit einem guten halben Jahr stehen im neu gestalteten Internat nicht mehr nur sieben sondern 18 Plätze zur Verfügung. Dort könnte, dort soll die nächste Generation "junger Wilder" oder "wilder Junger" - ganz wie man mag - heranwachsen.